Es fing damit an, dass ich Buchhändlerin wurde. Eigentlich wäre ich lieber Showgirl geworden: So eine Mischung aus Ginger Rogers und Marika Röck. (Ja, ich bin älter als 23!) Mein Vater meinte zwar, ich hätte eher Talent zum Zeichnen, war aber grundsätzlich der Meinung, eine solide Ausbildung sei Gold wert. Dass er damit tatsächlich recht gehabt hatte, habe ich viel später sogar eingesehen - aber das ist eine andere Geschichte. Zuerst also machte ich diese Lehre zur Buchhändlerin. Wie ein Mensch wie ich ausgerechnet in einer Buchhandlung landen konnte, die ehemals "Hofbuchhandlung" gewesen war, ist mir bis heute ein Rätsel. Wie ich es geschafft habe, die zwei Jahre dort durchzuhalten auch. Jedenfalls lernte ich, wie man vor der Gräfin von Meran einen Hofknicks macht und dass man die Prinzessin von Hessen-Nassau mit "Königliche Hoheit anspricht". (Nein, ich bin jünger als 100!)
Anwenden konnte ich meine höfischen Tricks nicht wirklich, da ich wegen meiner Cowboyhosen (sprich: Blue Jeans) das Hinterzimmer nur in Ausnahmefällen verlassen und den Laden kaum betreten durfte, wenn Kundschaft da war. Ich lernte Weisheiten wie "Wes’ Brot ich ess’, des’ Lied ich sing", und wo man die beste heiße Fleischwurst bekam, die meine Lehrherrin so gerne aß. Nach kürzester Zeit war klar, dass ich nur zwei Möglichkeiten hatte: Mich anzupassen und es gut hinter mich bringen, oder wegzugehen. Ich wählte die dritte: Ich blieb, passte mich nicht an, hatte die Hölle auf Erden und nach meiner bestandenen Gesellenprüfung habe ich diesen Laden kein einziges Mal mehr betreten.

Einige Jahre und etliche Sekretärinnenjobs später, als ich psychisch wieder in der Lage war ein Buch zu berühren, erinnerte ich mich daran, was mein Vater von meinem Zeichentalent gehalten hatte. Für eine Karriere als Showgirl war es mittlerweile sowieso zu spät. Also studierte ich an der Wiesbadener Fachhochschule Kommunikationsdesign und machte meinen Abschluss als Diplom-Designerin. Schwerpunkt: Buchillustration. Sie ließen mich nicht los.
Danach arbeitete ich als Weihnachtsgeschenkeverpackerin, als Luftballonverkäuferin und einmal ganz seriös in der Hessischen Landesbibliothek. Natürlich habe ich es auch mit einer Werbeagentur versucht, aber irgendwie passte einfach nichts zu mir. Oder vielleicht war es auch umgekehrt. Mein Vater, der definitiv einen Hang zur gesicherten Existenz hatte, fand, eine Karriere als Bibliothekarin wäre vielleicht ...! Ader danke! Keine Bücher mehr!

Jedenfalls: Schließlich geschah ein Wunder und das hieß (nein, Robert kam später): CBT – Computer Based Training. Oder, wie man das hierzulande nennt: Computergestütztes Lernen.
Damals (nebenbei gesagt: Wir sprechen vom vergangenen Jahrhundert!) unternahmen großen Unternehmen die ersten zaghaften Versuche, Mitarbeiter hausintern am PC zu schulen. Anstatt sie auf kostspielige Fortbildungsseminare zu schicken, wo sie sowieso nicht zuhörten, sondern ihre Aufmerksamkeit darauf lenkten, mit wem sie wohl nach Abschluss der Maßnahme noch auf ein Likörchen gehen könnten.
Selbstverständlich waren diese ersten Lernprogramme nicht mit den Möglichkeiten von heute zu vergleichen, aber trotzdem waren sie revolutionär. In der Anfangszeit war eine Bildschirmauflösung von 320 x 240 Pixeln keine Seltenheit und 16 Migräne auslösende Farben der Standard. Inter- oder Intranet war noch nicht das Thema und die Diskette noch DAS Medium. Die mit 5 ¼ Zoll!
Wir waren alle gleichermaßen Neulinge und Pioniere: Die Auftraggeber, die Programmierer, die Drehbuchautoren und ich als Grafiker. Und weil wir von dem Medium und seinen Möglichkeiten begeistert waren, entstanden ungewöhnliche und originelle Arbeiten. Mit meiner Mischung aus Computer-Know-How, Grafiker-Handwerk und dem fatalen Hang Geschichten zu erzählen, konnte ich alle meine Leidenschaften (und Schwächen) unter einen Hut bringen. Im Grunde waren Lernprogramme nichts anderes als illustrierte, interaktive Lehrbücher. Hier konnte ich zeichnen - und später am Rechner Fehler einfach wegzaubern. Ich konnte aus einer schlechten Fotografie eine wunderbar geheimnisvolle Illustration machen, oder aus einigen einfachen Skizzen ein Abenteuerspiel entwickeln. Ich konnte animieren, retuschieren, kreieren, konnte Kaffee verschütten ohne dadurch 48 Stunden mit einem Nuller Pinsel an einem Aquarell zunichte zu machen.
Ich wurde konfrontiert mit allen erdenklichen Arten von Lerninhalten: vom hinterhältigen Wesen der Kolibakterien, bis zu den neuesten Features des neuesten Porsches. Banken, Bausparkassen, KFZ-Hersteller, Versicherungen, das Arbeitsamt (sprich: Bundesagentur für Arbeit), - egal! Kein Thema, dem ich nichts abgewinnen konnte; nichts, was sich nicht auf ungewöhnliche und/oder humorvolle Art umsetzen ließ. Ich konnte meiner Phantasie freien Lauf lassen und konnte endlich, endlich selbständig arbeiten!
Die Zeit verging. Aus 16 Farben wurden 256 und dann True Color. Sounds und Videos wurden eingebunden. Die CD wurde gang und gäbe, später das Inter- und Intranet. Die Software begann sich den Fähigkeiten der Nutzer anzupassen, die Lernprogramme leider ebenfalls. Computer wurden alltäglich. Computergrafiker auch, und inzwischen ist aus der Nische, in der ich begonnen hatte, ein übervoller Rummelplatz geworden.

Mein Vater lebt nicht mehr.
Auf einer alten Ansichtskarte von ihm steht: “Du hast so schön geschrieben … !" Und da waren sie wieder, die Bücher ... Inzwischen sind es drei. Das erste, das ich geschrieben habe, beginnt mit einem Hund. Um es gleich zu sagen: Es wird auch mit einem enden. Einem anderen zwar als am Anfang, aber die Kinder und die Erwachsenen sind gleich geblieben. - Na ja, nicht ganz. Nichts bleibt wirklich wie es ist.

Übrigens: Ich kann ein bisschen tanzen wie Marika Röck!

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