Meine Großmutter (mit dem unwiderstehlichen Namen Therese) wohnte, als ich noch ein Kind war, in einer winzigen Dachwohnung. Zwei Kämmerchen und eine Küche. Ohne fließend Wasser und beheizt mit nur einem Kohleofen in der Küche. Wasser musste man aus dem WC im Treppenhaus holen - und auch wieder dahin zurück bringen. Die beiden Kammern waren im Winter eisig kalt, die ganze Wohnung im Sommer glühend heiß. Meine Großmutter war korpulent (wie es sich damals für Großmütter gehörte) und trug das Haar zu einer Art Knoten aufgesteckt. Mit zwei Wellen vorne.
Heute würde man sagen, dass sie in mehr als ärmlichen Verhältnissen gelebt hat, aber Kinder sehen vieles mit anderen Augen.
Ich jedenfalls habe diese Wohnung geliebt, in der das Geschirr im Küchenschrank leise aneinander klirrte, wenn unten auf der Hauptstraße ein Bus vorbeifuhr, und in die nachts durch die zugezogenen Küchenvorhänge das Licht der Straßenlaternen fiel. In der jede Bodendiele knarrte und wo man von den winzigen Fenstern aus über den Main sah, auf die Werft, und rechts, weiter hinten, die Eisenbahnbrücke. Natürlich habe ich auch meine Großmutter geliebt und all das Drumherum:
Die Einkäufe im Käseladen (Milch in der Kanne und Butter vom Stück geschnitten!), der Obsthändler in einem Torgang, der Kasper hieß und ein Gnom war, das Malzbier am Abend, dass ich selbst in der Wirtschaft gegenüber kaufen durfte. Und die erste italienische Eisdiele meines Lebens! 
Und es gab es diese wunderbaren Augenblicke, wenn mein Vater dabei war und wir zusammen aus dem Fenster sahen. Ich erinnere mich noch an seine Hände hinten an meinem Pullover, und dass wir uns weit hinauslehnten, um über den Schneefang und die Dachrinne hinaus nach unten, auf die Straße sehen zu können. In die Autos, in denen man aus dieser Perspektive von den Fahrern nur die Hände auf dem Lenkrad sehen konnte.
Und dann erzählte mein Vater Geschichten zu diesen Händen. Kurze natürlich. Denn obwohl es damals längst nicht so viel Verkehr gab wie heute, war es eben doch die Hauptstraße.
Da fuhren sie vorbei, die dicken Hände eines Mannes, der seinen Chef bestohlen hatte und jetzt sehr unglücklich darüber war, schwitzte und sich überlegte wie er aus diesem Schlamassel wieder herauskäme. "Alles wegen Ursula", flucht er genau in dem Augenblick, als wir ihn sehen. - Natürlich habe ich jedes Wort geglaubt!

Okay, ich quassel' ... Jedenfalls und deswegen erzähle ich Geschichten. Weil meine Kindheit voll davon war, und weil sie einfach ein Teil meines Lebens sind. Weil sie mir einfallen - ob ich will oder nicht. Wenn in einer Winternacht ein Auto ohne Licht an unserem Haus vorbei fährt und gleich darauf der alte Schäferhund unten im Dorf bellt. Oder wenn frühmorgens ein schwarz-weiß geflecktes Kaninchen vor dem Taunus Wunderland sitzt. Ganz still und nachdenklich und überlegt, wohin es nach seiner geglückten Flucht gehen wird. Zur See vielleicht, um wild und gefährlich zu leben?
Oder wegen Zechi, Nepheli und dem kleinen, schwarzen, namenlosen Kater, mit denen wir leben durften. Und wegen Micky. Natürlich!
Aber auch wegen "Menschen" wie meinem Nachbarn, dem Gänseblümchenvergifter mit seiner Alibi-Familie, die er nicht leiden kann. Aber wenn man als Sohn eines Kürschners zwischen abgezogenen Kadavern großgeworden ist, ist es vielleicht schwer, mitfühlend und naturverbunden zu sein. Was natürlich keine echte Entschuldigung ist!

Und: Ich kann nie aufhören mich zu fragen, was wohl aus Ursula geworden ist. Und ob sich der ganze Aufwand gelohnt hat.

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